Foto: Helmut Gross

Andacht Mai 2012

03. Mai 2012

Grundwortschatz

Als ich Schüler war, hatte ich einen englischen Grundwortschatz: Ein Lexikon mit den wichtigsten Wörtern und Wendungen der englischen Sprache. Wenn es darum geht, was Konfirmandinnen und Konfirmanden kennen und können sollen, spreche ich gern vom christlichen Grundwortschatz. Dazu zähle ich die zehn Gebote, den 23. Psalm, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Unter kennen und können verstehe ich, dass sie diese vier Stücke auswendig können, also im Kopf haben. Aber sie sollen sie möglichst auch inwendig kennenlernen, also in ihr Herz lassen. Die Texte des christlichen Grundwortschatzes sind keine Vokabeln. Sie sollen keine leeren Worte bleiben, sondern wertvoll werden und im Idealfall - oder im Zweifelsfall - tragende Kraft entfalten. Die Worte sind angekommen, wenn jemand, der sie in sich trägt, merkt: Da trägt etwas mich. Wenn jemand sie zu gebrauchen weiß für sich selbst oder für einen anderen Menschen in einer Krise. Wo mir Worte fehlen oder ich nichts Passendes zu sagen weiß, aber auch nicht schweigen will, kann ich vielleicht das Vaterunser oder den Psalm anbringen. Oder einfach für den eigenen Gebrauch - täglich, immer wieder einmal.

Die inwendige Kenntnis ist nicht sofort da. Sie kann aber mit den Jahren des Lebens wachsen. Voraussetzung dafür ist wohl, dass der Text erst einmal "sitzt" - auswendig. Das spricht für das bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden so unbeliebte Auswendiglernen. Und doch habe ich Zweifel, ob Pauken die richtige Methode ist. Ich fürchte, ein schöner und wertvoller Text kann auf diese Weise einem Menschen auch verdorben werden. Für die zehn Gebote ist mir noch kein anderer Weg eingefallen. Was jedoch das Vaterunser betrifft, schlage ich Taufeltern vor, dieses mit ihren Kindern schon ab 3 Jahren von Zeit zu Zeit als Abendgebet zu sprechen. Es kommt nicht darauf an, den Text bis ins Letzte zu verstehen (wer kann das schon …). Aber was Kinder in diesem Alter kennenlernen, sitzt tief. Damit die Konfirmandinnen und Konfirmanden sich Vaterunser, Psalm 23 und Glaubensbekenntnis aneignen, kommen sie um ein gewissen Lernpensum und eigenes Memorieren wohl nicht herum. Im Unterricht aber (wie ja auch im Gottesdienst) nehmen wir die Texte einfach in Gebrauch: Wir lesen und sprechen sie zusammen. Wir üben sie ein mit vor- und nachsprechen. Dazu muss man nicht zu Boden gucken oder die Augen schließen. Der 23. Psalm ist positiv und es kann Spaß machen, sich bei diesen Worten anzusehen: "Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser … Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde und schenkest mir voll ein." Vielleicht ist das ja auch eine Anregung für Erwachsene, ihren christlichen Grundwortschatz aufzufrischen und in Gebrauch zu nehmen. Wenn Sie möchten, besuche ich Sie einmal und frage Sie ab.;-)

Pastor Matthias Schäfer, Martin-Luther-Gemeinde