Foto: Helmut Gross

Andacht Juni 2016

01. Juni 2016

Geist des Friedens

Die Kirchen setzen sich für Flüchtlinge ein und treten fremdenfeindlichen Bewegungen mit deutlichen Worten entgegen. Sie argumentieren: Fremdenfeindlichkeit widerspricht dem Gebot der Nächstenliebe und der Menschlichkeit. Fremdenfeindlichkeit schadet Deutschland - wirtschaftlich, politisch und kulturell. Genauso treten die Kirchen einer Islamfeindlichkeit entgegen. Die Religionsfreiheit, eines der wichtigsten Menschenrechte, gilt auch für Muslime ohne Einschränkungen. Wir stellen uns vor Menschen, die – wie wir – religiös sind und verteidigen sie vor religionsfeindlichen Bestrebungen.

Durch zugleich fremden- wie islamfeindliche Bewegungen entsteht fälschlicherweise der Eindruck, Flüchtlinge und Migranten bei uns seien fast ausschließlich Muslime. Dieser Eindruck täuscht – tatsächlich sind eine Mehrheit der Migranten bei uns Christen und auch eine gewichtige Minderheit der Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre. In der Katholischen Kirche und in manchen evangelischen Freikirchen spiegelt sich diese neue „Buntheit“ der Christenheit in Deutschland wider.

Wir in den evangelischen Landeskirchen sind demgegenüber ziemlich „farb-los“ und geben in unseren Kerngemeinden und Mitgliedern ein noch sehr „einfarbiges“ Bild von Deutschland ab. Ich bin dankbar, dass sich das langsam ändert. Zur Kerngemeinde unserer Kreuzkirche in Mitte z.B. gehören mittlerweile syrische Christen orthodoxer Konfession wie evangelische Christen aus Syrien, dem Iran und Afghanistan, die sich vom Islam abgewandt haben und Christen geworden sind. Im Miteinander von deutschen Christen und Christen anderer Sprache und Herkunft zeigt sich, dass das mit der Fremdenfreundlichkeit auch für Christen gar nicht so einfach ist, wenn die Begegnung mit den anderen im eigenen Gottesdienst, im eigenen Gemeindehaus stattfindet. Auch die Migranten-Christen bringen ja ihre andere Sprache, ihre andere Kultur mit und leben auch ihren christlichen Glauben anders als wir – oft mit starker Frömmigkeit. Mit der Zeit, so meine Erfahrung, werden die Brücken zwischen den deutschen und den internationalen Christen stärker.

Es ist ja auch ein großes Geschenk gerade in einem zunehmend säkularen deutschen Umfeld: dass junge Menschen selbstverständlich zum Gottesdienst gehen und beten, dass Erwachsene neu zum christlichen Glauben finden und froh sind, jetzt zur Gemeinschaft der Getauften zu gehören.      

Folgendes höre ich dabei oft vom Glaubensweg

geflüchteter Christen, vor allem der früheren Muslime. Sie wurden zum Hass aufgestachelt. Sie haben Gewalt erlebt und sind selber aggressiv gewesen. Innerlich waren sie unruhig. Es war in ihrer früheren religiös-kulturellen Umgebung, wo ihnen ein Geist von Angst und Strafe vermittelt wurde. In Jesus haben sie einen anderen Geist kennen gelernt, der ihnen zur Antwort auf ihre geheimen Sehnsüchte geworden ist. Einen Geist des Friedens und der inneren Ruhe. Jesus hat Frieden in ihr Herz gebracht. Jetzt haben sie Frieden mit Gott. Gott ist nicht mehr erbarmungsloser Einpeitscher wie bei den Islamisten. Er ist barmherziger Vater, der den aus dem Elend kommenden in die Arme schließt. Da ist keiner mehr, der sie anklagt und mit Strafe hier und in der Hölle dort droht. Da ist Jesus, der selber alle ihre Schuld mit ans Kreuz nimmt und vergibt. Jetzt ist ihr Herz zur Ruhe gekommen. Sie sind angekommen im Haus ihres himmlischen Vaters. Sie sind jetzt beim Gekreuzigten, der Heimat für Heimatlose ist. Der Geist hat ihnen die Türen geöffnet, er hat sie aus dem Unfrieden in den Frieden, aus der Unruhe in die Ruhe geführt. Auch jetzt in Deutschland ist für sie keineswegs alles einfach. Aber jetzt geht Jesus mit ihnen mit, erleuchtet sie sein Geist, sind sie beim Vater zuhause.

Der Glaube unserer neuen Geschwister aus dem Nahen und Mittleren Osten berührt mein Herz. Ich freue mich über diese Belebung in unserer etwas müde gewordenen deutschen Christenheit. Gut, dass wir als Kirchen nicht nur politisch-gesellschaftlich für Flüchtlinge und Migranten eintreten, sondern auch geflüchtete und eingewanderte Christen in der Gemeinschaft unserer Kirchen haben. Heißen wir (auch) sie im Geist des Friedens herzlich willkommen!

Götz Weber, Pastor der Kreuzkirche in Bremerhaven-Mitte