Foto: Helmut Gross

Andacht April 2013

05. April 2013

Mein Halte-Seil

„Ich muss jetzt fast jeden Tag zu Trauerfeiern“, so teilte mir es ein Mann vor einer Trauerfeier mit. Es war ein Seufzer mit der unausgesprochenen Bitte: „Nicht noch mehr - es wird so schwer - aber gut, dass ich es aussprechen darf.“ Wer in kurzer Zeit viele Abschiede nehmen muss, steckt sie nicht einfach weg. Eine traurige Grundstimmung prägt den Alltag, wenn die Verluste sich häufen. Abschiednehmen ist schwer und schmerzvoll. Genau gesehen geschieht neben dem Schmerz auch noch etwas anderes. Ich entdecke es, wenn ich alles genau betrachte. Ich muss Abschied nehmen vom Wunsch mit einem Verstorbenen noch etwas zu erleben. Dieser Wunsch taucht aber nur auf, wo und weil es gute gemeinsame Erinnerungen gibt. Die alten Erinnerungen verbleiben bei mir. Sie sind mein Schatz. Sie können mein Leben auch in Zukunft bereichern. An Erinnerungen kann ich mich freuen, selbst wenn Wehmut dazu gehört... Um so schlimmer ist es, wenn Erinnerungen durch andere Ereignisse zerstört werden: zum Beispiel durch Feuer, wenn die Flammen alles zerstören bei einem Unfall, wenn das gewohnte Leben dauerhaft beeinträchtigt wird oder auch bei einem Einbruch und Diebstahl, wenn ein Gegenstand mit Erinnerungen an einen Menschen der eigenen Vergangenheit - ein Buch - ein Bild - oder auch anderes - geraubt wird.

 

Plötzlich ist der „wertvolle“ Gegenstand der Erinnerung weg. Zugleich ist alles, was vorher sicher erschien unsicher geworden. Für die Betroffenen beginnt ein Ringen um das gewohnte Leben. Weil jemand glaubte dies stehe ihm zur Verfügung und es sich nahm - lebt der Betroffene nun mit dem Gefühl mitten in der eigenen Wohnung ein Fremder zu sein, keine Geborgenheit und Sicherheit mehr zu haben. Vielleicht lebt er mit dem panischen Gefühl vor fremden Geräuschen. Diese Gefühle führen dazu, dass man sich zurück zieht. Eines der Gebote mahnt: Das, was jemandem speziell gehört ist sein Eigentum. Danach soll ich nicht trachten. Die Gebote verpflichten uns den anderen zu ehren und ihm das Lebensnotwendige zu gewähren. Viele Rechte und Pflichten sind in Gesetzen festgeschrieben. Wenn wir den Verlust erlebt haben brauchen wir Helfer denen wir unsere Unsicherheit aufdecken können; die uns helfen die Geborgenheit wieder zu entdecken; die uns helfen auf schwankenden Brücken das Ziel sehen zu können. Dann lernen wir geführt durch ein Seil den nächsten Schritt wieder zu wagen und ans Ziel zu kommen, Selbstvertrauen und Gelassenheit wieder zu gewinnen. Die Psalmübertragung von Detlev Block beschreibt für mich so ein Seil der Sicherheit.

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Und wandre ich im finstren Tal,

kann mich kein Unheil schrecken.

Denn du bist bei mir allemal

mit deinem Stab und Stecken.

Du tröstest mich und machst mich frisch,

bereitest vor mir deinen Tisch

im Angesicht der Feinde.

Ob Sorge, Schuld und Wanderschaft

mich in der Welt bedrücken,

du salbst mein Haupt und gibst mir Kraft,

 

Pastor Reinhard Niehaus, Kirchenkreis Bremerhaven

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Ein neuer Text im alten Gewand zum guten Hirten (Melodie: „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ Lit.: D. Block, In deinen Schutz genommen, V [&] R Göttingen, 3. Aufl. 1984)