Foto: Helmut Gross

Andacht September 2015

02. September 2015

Neuanfang

In diesen Wochen können wir viele Neuanfänge miterleben. Manche ganz unspektakulär, wenn es nach den Sommerferien einfach in die nächst höhere Klasse geht oder wenn es beim Bäcker eine neue Auszubildende gibt. Andere Ereignisse, wie der Aufbruch nach Amerika als Au-pair für ein Jahr  oder wie die vielen Erstklässler, die sich schon so lange darauf freuen endlich zur Schule gehen zu dürfen lassen uns lächeln und wir freuen uns mit. Das sind viele tolle Ereignisse und Erlebnisse, für die meisten etwas ganz besonderes. Die spektakulären Ereignisse feiern wir auch gebührend und für viele bedanken wir uns bei Gott für seine Begleitung und seinen Schutz, das ist doch klar.

Es gibt aber auch viele Neuanfänge die angstbesetzt sind und uns erschrecken. Für manchen Menschen gibt es nur noch die Hoffnung auf einen Neuanfang in einem anderen Land, weil sie aus ihrem Heimatland aus Angst um ihr Leben geflüchtet sind. Die Nachrichten über erstickte Flüchtlinge in einem LKW, ertrunkene Menschen auf dem Meer, weil die überladenen Schlauchboote es nicht ans rettende Ufer geschafft haben, viel Stacheldraht und sehr hohe Zäune, Angriffe auf Unterkünfte oder die Asylsuchenden selber machen uns ebenfalls Angst und verunsichern viele. Was kann ich denn dagegen machen, wie soll ich was verändern?

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.  Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Matth. 6,33-34)

Aber was ist denn jeden Morgen, wenn wir wieder wach werden und den kommenden Tag vor uns haben? Erlebe ich den Tag als Neubeginn, wieder als Anfang und als neue Chance oder lebe ich einen Tag nach dem anderen so vor mich hin? Was macht den Unterschied aus zwischen „das war nur ein Tag wie jeder andere“, egal ob gut oder kaum noch zu ertragen und „heute ist alles neu!“?

Die meisten Kinder nehmen jeden Tag so wie er kommt und freuen sich in der Regel darauf. Bei uns Erwachsenen ist das häufig anders, da mischen sich unsere Erfahrungen und Befürchtungen in den kommenden Tag und schon ist die (kindlich) Sorglosigkeit vorbei. Wenn Menschen alles zerstört wurde oder ihnen die Lebensgrundlage entzogen wurde, bleibt nur noch ein Hoffen auf den kommenden Tag, das er besser wird, als die bisherigen. 

Viele Flüchtlinge aufzunehmen und willkommen zu heißen macht manchen Menschen Angst, einfach weil sie nicht wissen wer da auf sie zukommt, welche Auswirkungen es für sie selber haben wird. Wenn wir in die Vergangenheit schauen, wissen wir wie viele Menschen schon freiwillig und oft auch unfreiwillig ihr Land verlassen haben, um an einem anderen Ort einen Neuanfang zu beginnen, mit der Hoffnung dort friedlich leben zu können. Teilweise für immer, teilweise auch nur solange, bis sie wieder zurück konnten. Es gab bestimmt vieles was besser hätte klappen können, bessere Integration, bessere Unterstützung, bessere… Was mir aber wichtig ist festzuhalten, ist die Tatsache, dass viele Menschen eine neue Heimat und neue Freunde gefunden haben. Für die Einheimischen war es sicher auch nicht immer einfach, aber auch sie haben neue Freunde gefunden und so verändern wir überall auf der Welt etwas, ich hoffe meistens zum Positiven.

Ich verreise gerne und freue mich über eine herzliche Gastfreundschaft, die mir in vielen Ländern entgegengebracht wird, obwohl ich eine Fremde bin, die Sprache oft nicht spreche und man mir nicht ansehen kann, ob ich noch viel Geld in meiner Tasche habe oder nicht. Etwas von dieser Gastfreundschaft wünsche ich uns allen. Gut ist es für andere zu sorgen. Wenn wir merken, dass andere Hilfe brauchen, ist es an uns zu helfen. Gott sagt uns zu bei uns zu sein und uns zu unterstützen, ganz praktisch kann das dadurch geschehen, dass wir Menschen uns unterstützen und nicht darauf warten, dass Gottes Hand vom Himmel kommt, um etwas hier und dort in die richtige Bahn zu lenken oder die Lebensmittel und die neuen Schuhe selber bei dem netten aber sehr armen Nachbarn vorbeibringt oder mit den Kindern aus der Asylunterkunft zu malen oder Fußball zu spielen oder …(ihnen fällt sicher etwas Schönes ein). Das ist unsere Aufgabe, heute und sicher auch morgen. Damit die Tage für alle immer weniger Plage beinhalten.

P.S.: Übrigens hat das Auswandererhaus im August gerade sein 10jähriges Bestehen gefeiert. Dort können sie viele bewegende Geschichten von Martha und anderen erleben, wie ihre Wege in ein neues Leben verliefen. Oder sie fragen die Menschen in ihrer Nähe wo sie herkommen.

Ulrike Hartmann

Diakonin in der Nordregion