Foto: Helmut Gross

Andacht Oktober 2014

02. Oktober 2014

Erntedank 2014

„So lasst uns nun durch Jesus Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.

Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ (Hebräerbrief Kapitel 13 Verse 15-16)

Irgendwann waren sie da. Mal zu zweit, mal zu viert, mal zu sechst. Sie sitzen auf der Bank am Bohlenplatz. Sie kommen zum Dorffest. Sie grüßen freundlich. Sie suchen Anschluß, Kontakt.

Seit etwa 4 Wochen leben 10 junge Männer aus dem Sudan in Schiffdorf. Menschen aus einem Teil der Erde, der für uns unendlich weit weg ist. Sie stammen aus einer Gegend, die wir überwiegend nur vom Hörensagen kennen. Jetzt sind sie da. Sie haben Schlimmes erlebt in ihrer Heimat. Ihre Augen haben Schreckliches gesehen. Man geht nicht so einfach weg aus seiner Heimat. Über das Mittelmeer sind sie nach Europa gekommen. Jetzt sind sie bei uns. Und Menschen aus Schiffdorf gehen auf die Menschen im Sudan zu: Besuchen sie, laden sie ein zum Kaffee im Gemeindehaus. Besorgen für sie Schuhe und Kleidung, Obst, einen Fußball, ein arabisch-deutsches Wörterbuch. Menschen aus Schiffdorf helfen den Neuankömmlingen bei Arztbesuchen und bürokratischen Problemen. Es gibt so viel, was man tun kann. Danke, Danke, Danke an alle, die etwas tun.

Erntedank.

Wie gut geht es mir!

Ich habe alles, was ich brauche zum Leben.

Essen, Trinken, Kleidung. Ein Haus, ein großes geräumiges Haus.

Ich lebe geborgen und sicher. Mein Staat, mein Land garantiert mir per Verfassung Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Ich kann glauben und sagen, was ich will. Ich habe es so gut.

Erntedank.

Das Fest, an dem wir uns bewusst machen, wie gut es uns geht. Erntedank ist der Festtag gegen das SELBSTVERSTÄNDLICHNEHMEN. Religion hat für mich ihren tiefsten Sinn darin, dass ich mir bewusst mache: Ich verdanke mich nicht mir selbst! Ich bin da, weil ich gewollt bin von einem Anderen. Weil Gott mich will, weil er Ja zu mir sagt. Und wenn etwas gelingt in meinem Leben, dann steht dahinter Gottes Unterstützung: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ (EG 508,1)

Erntedank: Ich mache mir bewusst, wie gut es mir geht. „So lasst uns nun durch Jesus Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennt.“ Lasst uns mit dem Danken nicht aufhören, lasst uns an Erntedank ein großes Fest gegen das SELBSTVERSTÄNDLICHNEHMEN feiern.

 

Das Gute, das ich habe vermehrt sich noch dadurch, dass ich es mit Anderen teile. Es ist genug da! Und es sind die Menschen da, mit denen ich teilen kann. Sie kommen aus Regionen dieser Welt, in denen die Hölle auf Erden herrscht. Sie haben Folter, Vergewaltigung und Mord erleben müssen. Sie konnten nur ihr Leben retten. Jetzt sind sie da, sind auch hier in Schiffdorf. Wie freundlich sie sind! Wie dankbar für jede Kleinigkeit! Wir spüren, dass wir reicher werden durch die Menschen die zu uns kommen. Wir kommen ins Gespräch mit ihnen, wir lernen ganz viel von ihnen. Und wir können ganz viel für sie tun: Abgeben von dem, was wir haben, teilen mit ihnen und vor allem auch: Ihnen immer wieder Zeit schenken. „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“

Erntedank: Ich laufe durch Schiffdorf. Ich sehe, was Menschen füreinander tun können. Ich sehe, wie wir reich werden durch Begegnung mit Menschen. Es ist gut zu leben. Es ist gut, etwas tun zu können. Und es ist wichtig, dankbar zu sein!

Danke, lieber Gott, für alles was ich habe!

Danke für Essen und Trinken.

Danke für meine Familie.

Danke für die Menschen, die mir begegnen.

Danke für alle, die Anderen helfen.

Danke für die Liebe, die in der Welt ist.

Danke, ach Gott ich will dir danken, dass ich danken kann!

Amen.

 

Ulrich v. Stuckrad-Barre

Pastor in Schiffdorf