Foto: Helmut Gross

Andacht März 2011

04. März 2011

Fasten – das kennen beinahe alle Religionen und Kulturen

Fasten: Es läuft zwar im Einzelnen überall unterschiedlich ab, aber das Phänomen ist dasselbe:
Man verzichtet auf menschliche Bedürfnisse, um daraus Gewinn zu ziehen. Allein in der Geschichte des Christentums gab und gibt es eine Vielzahl von Fastenformen: Mönche ernährten sich überhaupt nur vom Allernötigsten, und am Freitag aß man im Mittelalter keine Fleisch- und keine Milchprodukte. Viele Menschen heute verzichten in der Fasten-, beziehungsweise Passionszeit, auf Überflüssigkeiten wie Fernsehen, Süßigkeiten, Alkohol oder Zigaretten.

Nun kann man ja fragen: Warum sich selbst etwas vorenthalten, wenn man es doch haben könnte? Im Fasten beraubt man sich der Möglichkeiten, die einem zur Verfügung stehen. Klar, haben wir alle genug zu essen zuhause, wir müssen nicht hungern - und doch tun es manche. Sie könnten…, aber sie verzichten. Um diese Bewusstseinsentscheidung sind wir Menschen den Tieren voraus. Ein Tier jagt und verschlingt soviel es kann. Sie haben einen stammhirngeleiteten Fresstrieb, und den brauchen sie auch, um Not und Dürrezeiten unbeschadet zu überstehen. Tiere fasten nicht. Was uns vom Tier unterscheidet, ist der Wille, der Wille zur Ernährung, wie auch der Wille zum Verzicht. Auf das Wollen kommt es an.

Also noch einmal:
Warum sich selbst mit der Kraft des Willens einschränken, wenn man es doch auch viel angenehmer haben könnte? Ich versuche mal zwei Antworten zu geben. 1. Fasten ermöglicht ein geistiges Mehr-Erleben. Beim Fasten wird die Leistungsfähigkeit des Körpers zwar eingeschränkt, gleichzeitig aber wächst die geistige Aufnahmefähigkeit. Ich weiß das aus eigener Erfahrung vom Heilfasten mit Elvira Böhmer. Die Sinne werden frei für übernatürliche Wirklichkeiten. Ich meine nicht die Konzentrationsfähigkeit, sondern eine höhere geistige Sensibilität. Manche Augenblicke zum Beispiel kann man als Fastende und Fastender in einer nie gekannten Qualität erleben. Da wird ein Farbton, den man schon seit vier Jahren an der Wand sieht, plötzlich ungeheuer intensiv. Musik hört sich auf einem mal anders an. Bilder gehen unter die Haut. Vieles – so habe ich den Eindruck – reißt uns beim Fasten in eine andere Welt hinüber: Die Welt der Kunst, der Musik, der Sprache und natürlich auch die der Religion: Fasten im religiösen Sinne ist keine Brigitte-Diät. Sie dient auch nicht der Entschlackung oder Fettreduzierung. Sondern Fasten ist eine disziplinarische Übung, ein Verzicht, der die Sinne frei macht für neue Erfahrungen. Wobei das eine das andere ja nicht ausschließen muss. 2. Im Fasten beweist man sich Unabhängigkeit Vieles nimmt uns in Beschlag, den ganzen Tag und das ganze Jahr über. Und so mancher Luxus ist uns längst, ohne dass wir das richtig gemerkt haben, zur Alltäglichkeit geworden. Wenn man nicht mal verzichtet und fühlt wie der Hunger schmeckt, dann weiß man auch gar nicht mehr wie das Essen schmeckt. Fasten macht uns stark, uns selbst gegenüber. Wir widerstehen der Versuchung und wissen dann, dass wir nicht zwingend abhängig sind von dem, was uns immer so selbstverständlich scheint. Diese zwei Wirkungen des Fastens möchte ich ihnen heute mitgeben. Und ich hoffe, dass ich Sie ein bisschen animieren kann, auch selber eine Fastenform für sich einzuüben.

Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, jetzt den Rechner und das Internet auszuschalten. Sie werden erstaunt sein, wie viel Zeit dadurch für Sie frei wird – genau die Zeit, die Ihnen sonst immer so sehr fehlt. Sie könnten dann aus Fülle des Mangels schöpfen; indem Sie zum Beispiel Spazierengehen, Freunde treffen, sich in die Stille einer Kirche zurückziehen, oder vielleicht sogar in der Bibel lesen. Und sicher fallen Ihnen auch selber eine ganze Menge schöner Dinge ein…

Pastor Stefan Warnecke, Kreuzkirche