Andacht

Als ich Schüler war, hatte ich einen englischen Grundwortschatz: Ein Lexikon mit den wichtigsten Wörtern und Wendungen der englischen Sprache. Wenn es darum geht, was Konfirmandinnen und Konfirmanden kennen und können sollen, spreche ich gern vom christlichen Grundwortschatz. Dazu zähle ich die zehn Gebote, den 23. Psalm, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Unter kennen und können verstehe ich, dass sie diese vier Stücke auswendig können, also im Kopf haben. Aber sie sollen sie möglichst auch inwendig kennenlernen, also in ihr Herz lassen. Die Texte des christlichen Grundwortschatzes sind keine Vokabeln. Sie sollen keine leeren Worte bleiben, sondern wertvoll werden und im Idealfall - oder im Zweifelsfall - tragende Kraft entfalten. Die Worte sind angekommen, wenn jemand, der sie in sich trägt, merkt: Da trägt etwas mich. Wenn jemand sie zu gebrauchen weiß für sich selbst oder für einen anderen Menschen in einer Krise. Wo mir Worte fehlen oder ich nichts Passendes zu sagen weiß, aber auch nicht schweigen will, kann ich vielleicht das Vaterunser oder den Psalm anbringen. Oder einfach für den eigenen Gebrauch - täglich, immer wieder einmal.

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Andacht: Zeit ist eine Gnade

Drei Wochen Urlaub – wie schön, wenn sie vor einem liegen. Was will ich alles unternehmen, vor allem ausruhen möchte ich. Alltag und Arbeit vergessen, oder wenigstens sollen sie nicht so viel Raum einnehmen wie sonst. Drei Wochen – eine lange Zeit.  Aber das ist schon fast wieder vergessen. Geblieben sind die Fotos der Erinnerung von einem herrlichen Spaziergang, einer tollen Fahrt, erholsamen Begegnungen in der Fremde, …

Eingeholt wurden wir vom Alltag, er hat uns wieder. Kinder, wie die Zeit vergeht! Es ist doch eigenartig mit der Zeit. Wie sich das Gefühl für sie verändert. Waren wir als Kinder noch ungeduldig wegen einer Stunde, die nicht vergehen mochte, so stellen wir – älter geworden – fest: Schon wieder der Urlaub vorbei, was sage ich, schon wieder ein Jahr bald rum, die Kalenderblätter werden immer weniger. Was habe ich aus der Zeit nur gemacht. Wo ist sie geblieben?
In der Oeser Kirche hat es eine besondere Bewandtnis mit den Kirchturmuhren. An drei Seiten sind die Ziffernblätter durch große Buchstaben ersetzt. Auf der Südseite ergibt sich, von 9 Uhr beginnend, der Satz: ZEIT IST GNADE! Zwölf Buchstaben mit einer bedeutsamen Aussage. Ich werde erinnert an einen Jubilar, der an seinem 80. Geburtstag sagen konnte: Es ist doch eine besondere Gnade, so alt werden zu dürfen. Oder an einen anderen Mann. Als einziger überlebte er nach einem schrecklichen Kriegserlebnis. Aus dem getroffenen U-Boot kam er als einziger der Besatzung lebend an die Wasseroberfläche. Er konnte sagen: Da wurde mir meine Lebenszeit ein zweites Mal geschenkt.
ZEIT IST GNADE. Zeit ist ein Geschenk. Von Gott werden wir beschenkt, der allein weiß, wie viele Minuten und Stunden, wie viele Tage und Wochen, wie viele Monate und Jahre uns geschenkt sind. Meine Zeit steht in deinen Händen. So hat es der Psalmbeter gesagt (Psalm 31,16). Wenn ich so die Zeit erlebe, dann ist jeder Morgen an dem ich die Augen öffne, ein Geschenk. Die Arbeit, die ich schaffen darf – ein Geschenk. Die Begegnungen, die im Laufe eines Tages auf mich zukommen – ein Geschenk. Niederlagen und Enttäuschungen – das geht mir schwer über die Lippen – aber dann doch auch ein Geschenk? Meine Zeit steht in deinen Händen. Danke, Gott, für die Fülle des Lebens.

Pastor Uwe Colmsee, Matthäus-Kirche Geestemünde und Auferstehungskirche Surheide
 

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