Andacht

Als ich Schüler war, hatte ich einen englischen Grundwortschatz: Ein Lexikon mit den wichtigsten Wörtern und Wendungen der englischen Sprache. Wenn es darum geht, was Konfirmandinnen und Konfirmanden kennen und können sollen, spreche ich gern vom christlichen Grundwortschatz. Dazu zähle ich die zehn Gebote, den 23. Psalm, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Unter kennen und können verstehe ich, dass sie diese vier Stücke auswendig können, also im Kopf haben. Aber sie sollen sie möglichst auch inwendig kennenlernen, also in ihr Herz lassen. Die Texte des christlichen Grundwortschatzes sind keine Vokabeln. Sie sollen keine leeren Worte bleiben, sondern wertvoll werden und im Idealfall - oder im Zweifelsfall - tragende Kraft entfalten. Die Worte sind angekommen, wenn jemand, der sie in sich trägt, merkt: Da trägt etwas mich. Wenn jemand sie zu gebrauchen weiß für sich selbst oder für einen anderen Menschen in einer Krise. Wo mir Worte fehlen oder ich nichts Passendes zu sagen weiß, aber auch nicht schweigen will, kann ich vielleicht das Vaterunser oder den Psalm anbringen. Oder einfach für den eigenen Gebrauch - täglich, immer wieder einmal.

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Andacht: Monatsspruch Februar 2011

Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Römer 8,21
Sehsüchtig warten wir nach diesem kalten Winter auf den Frühling. Wie schön, dass uns als Monatsspruch für den Februar da ein Wort aus der Feder des alten Paulus gegeben ist, dass von der Natur und der ganzen Schöpfung redet. Ich erinnere mich an einen Gedanken von Karl May aus seinen arabischen Bänden, in denen er an einer Stelle schreibt, dass Mohammed im Koran vergessen habe, den Tieren einen Wert einzuräumen. Karl May dachte dabei an den Umgang mit Vögeln, Hunden und anderen Tieren in arabischen Ländern. Ob Karl May damit so Recht hat, sei dahingestellt.

Uns Christinnen und Christen jedenfalls erinnert dieses Wort an die Verbundenheit allen Lebens, an die Verbundenheit von Menschen, Tieren und Pflanzen. Der Mensch ist nur ein Teil im Mosaik der Schöpfung, wenn auch ein besonderes Steinchen. Nur von ihm erzählt die Schöpfungsgeschichte, dass er zu Gottes Ebenbild geschaffen wurde. Man könnte sagen, dass der Mensch der übrigen Schöpfung gegenüber eine Position einnimmt, wie sie Gott dem Menschen gegenüber hat. Wie Gott Herr über den Menschen ist, so ist der Mensch Herr über die übrigen Geschöpfe. Gott hat ihm die Macht verliehen, den Tieren Namen zu geben und über sie zu herrschen. Diese Herrschaft des Menschen ist nach dem Willen Gottes kein Selbstzweck. Sie dient dem einen Ziel des lebendigen Gottes: Die gesamte Schöpfung soll durch den Menschen geschützt und bewahrt werden. Der Mensch soll sich die Erde untertan machen, damit er sie hegen und pflegen und mit Leben erfüllen kann. In der Bibel ist also die Regentschaft des Menschen über die Erde nie als Willkürherrschaft verstanden worden, sondern als eine Beauftragung zur Bewahrung des Lebens auf der Welt. Und dann wird in der Verheißung doch ein deutlicher Unterschied des Verhältnisses von Gott und Mensch und Mensch und Kreatur deutlich, da sie am Ende mit uns gemeinsam erlöst werden.
Mit der „Knechtschaft der Vergänglichkeit“ erinnert Paulus daran, dass uns Menschen unsere Mitgeschöpfe in Freude und im Leiden zutiefst verwandt sind, auch sie leiden: Hunger und Kälte, Krankheit, Bedrohung, Überwältigung, Angst und Sterben. Paulus schreibt vom „ängstlichen Harren der Kreatur“ darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. So gehört ja auch zu den schönen Verheißungen beim Propheten Jesaja, die wir als Lesungen in den Weihnachtsgottesdiensten hören, dass Wolf und Lamm, Schlange und Kleinkind dann in der Freiheit beieinander friedlich wohnen werden.
Wir Christinnen und Christen haben schon jetzt Anteil an der Freiheit der Kinder Gottes. Auch wir sind zwar noch der Vergänglichkeit unterworfen, aber im Glauben und in der Hoffnung wissen wir bereits, dass die Vergänglichkeit nicht das letzte Wort haben wird. Und so wie wir schon jetzt Anteil an dieser Hoffnung haben, sollten wir noch vielmehr unsere Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitgeschöpfen ernst nehmen. Stattdessen müht sich mal wieder ein Betrieb in Deutschland die Vergänglichkeit von uns Menschen und auch gleich von unseren Mitgeschöpfen zu beschleunigen, weil er aus Profitsucht Industriefettabfälle benutzt hat, um billiges Tierfutter herzustellen. Menschen machen sich nun Sorgen, dass der Verzehr von mehr als fünf Hühnereiern pro Tag eventuell schädlich sein könnte. Über die vergifteten Tiere, über ihr „ängstliches Harren“, ist nichts zu hören in der Tagesschau. In einem Nebensatz wird gesagt, dass eventuell tausende Tiere geschlachtet werden müssen, da sie für die Nahrungsmittelindustrie nicht mehr verwendbar seien.
Wenn schon der biblische Gedanke der Mitgeschöpflichkeit nichts ändert an der hemmungslosen Ausbeutung der Schöpfung, so müsste doch wenigstens der gesunde menschliche Egoismus dazu führen, mit den Tieren verantwortungsvoller umzugehen. Schließlich vergiftet sich auch der Mensch, wenn er vergiftete Tiere schlachtet und verspeist. Jedoch auch dieser Zusammenhang hindert die menschliche Habgier nicht daran, verantwortungslos mit der Schöpfung umzugehen.
So tragen die Kinder Gottes, wir Christenmenschen, eine besondere Verantwortung. Wir sind dazu berufen, „offenbar zu werden“. Wir sollen uns zeigen und mit aller Kraft für das Leben aller Kreaturen auf Erden eintreten. „Macht euch die Erde untertan“ haben wir irgendwie völlig missverstanden. Wir sind nur ein Teil vom Ganzen, und zwar der Teil, der mit seinem Hirn das Denken für alle anderen mit übernehmen sollte, anstatt das Hirn der Rinder an ihre Kälber zu verfüttern. Wenn Gottes großer Tag anbricht, werden alle Lebewesen Teil haben an seiner herrlichen Freiheit. Schon hier und heute dürfen wir dafür arbeiten, dass kein unnötiges Leid über Menschen, Tiere und Pflanzen gebracht wird.
Mögen wir Mitstreiter im Kampf für das Leben werden. Und mögen Sie verschont bleiben von Menschen gemachten Vergiftungen. Und mögen Sie viel Freude haben am aufbrechenden Leben der Pflanzen in dem hoffentlich bald herbeieilenden Frühling.
Pastor Sebastian Ritter, Johanneskirche
 

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