Andacht

Als ich Schüler war, hatte ich einen englischen Grundwortschatz: Ein Lexikon mit den wichtigsten Wörtern und Wendungen der englischen Sprache. Wenn es darum geht, was Konfirmandinnen und Konfirmanden kennen und können sollen, spreche ich gern vom christlichen Grundwortschatz. Dazu zähle ich die zehn Gebote, den 23. Psalm, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Unter kennen und können verstehe ich, dass sie diese vier Stücke auswendig können, also im Kopf haben. Aber sie sollen sie möglichst auch inwendig kennenlernen, also in ihr Herz lassen. Die Texte des christlichen Grundwortschatzes sind keine Vokabeln. Sie sollen keine leeren Worte bleiben, sondern wertvoll werden und im Idealfall - oder im Zweifelsfall - tragende Kraft entfalten. Die Worte sind angekommen, wenn jemand, der sie in sich trägt, merkt: Da trägt etwas mich. Wenn jemand sie zu gebrauchen weiß für sich selbst oder für einen anderen Menschen in einer Krise. Wo mir Worte fehlen oder ich nichts Passendes zu sagen weiß, aber auch nicht schweigen will, kann ich vielleicht das Vaterunser oder den Psalm anbringen. Oder einfach für den eigenen Gebrauch - täglich, immer wieder einmal.

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Andacht: Matthäus 3,2: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“

„Lummerland“ zeigt die Anzeige vorn auf dem Schulbus. Fritz hat seine letzte Fahrt am Morgen gemacht, die Kinder sind alle in der Schule. Jetzt steuert er den Bus zurück ins Depot. Normalerweise müsste dort „Betriebshof“ oder „Leerfahrt“ stehen. Aber das ist Fritz zu langweilig. Warum nicht ein wenig Spaß bei der Arbeit haben? Schließlich freuen sich schon etliche Passanten auf seinen Bus und fragen sich, welches Ziel er wohl heute anzeigen wird.

Es war nicht immer so, dass es ihm gut ging mit seiner Arbeit. Eigentlich war er ganz erfolgreich gewesen. Er hatte es zum Werkstattleiter gebracht. Die Mitarbeiter schätzten ihn. Aber bei aller Anerkennung, die sie ihm entgegen brachten, war diese Position auch eine Last: Ständig musste er balancieren zwischen den Ansprüchen der Geschäftsleitung und den Erwartungen der Mitarbeiter. Beiden sollte und wollte er gerecht werden. Die Interessen waren manchmal so gegensätzlich, dass das gar nicht ging. Er sah die Enttäuschungen auf der einen wie der anderen Seite. Er fühlte sich verantwortlich dafür und konnte immer schlechter damit leben. Immer öfter nahm er die Arbeit in Gedanken mit nach Hause und kam am nächsten Morgen mit noch weniger Freude zurück.
 
Bis er eines Tages einen Entschluss fasste: Er ging zu seiner Geschäftsleitung und schlug ihr vor, dass er wieder als Busfahrer arbeiten möchte. Als Reaktion sah und hörte er nur ungläubiges Erstaunen. Dass jemand freiwillig auf einen besonderen Posten und das höhere Gehalt verzichtet, das war überraschend. Alle Versuche ihn davon abzubringen waren vergeblich. Er blieb dabei. Und auch seine ehemaligen Mitarbeiter und jetzigen Kollegen konnten es nicht fassen. Er hatte seinen Job doch so gut gemacht.
 
„Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe“, sagte der Prophet Johannes. Er zeigt auf Jesus. In seiner Nähe ist das Himmelreich schon da. Traurige finden Trost, Hungrige werden satt und Arme hören die Frohe Botschaft. Hier finden Menschen ihr Glück. Nicht erst im Leben nach dem Tod, sondern bereits im Hier und Jetzt, und das seit mehr als 2000 Jahren. Er gibt den Mut anzuhalten um umzukehren, wenn es bitter nötig wird.
 
Fritz hat rechtzeitig die Reißleine gezogen. Er freut sich an seiner Arbeit und kann seine Freizeit umso besser genießen. Seine Familie dankt es ihm ebenso wie seine Freunde. Das Leben hat eine neue Qualität gewonnen. Sein Humor bekam wieder freie Bahn und überraschte jeden Morgen neu. Was wird wohl heute auf seinem Bus stehen?
 
Werner Gerke, Seemannspastor

 

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