Andacht

Als ich Schüler war, hatte ich einen englischen Grundwortschatz: Ein Lexikon mit den wichtigsten Wörtern und Wendungen der englischen Sprache. Wenn es darum geht, was Konfirmandinnen und Konfirmanden kennen und können sollen, spreche ich gern vom christlichen Grundwortschatz. Dazu zähle ich die zehn Gebote, den 23. Psalm, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Unter kennen und können verstehe ich, dass sie diese vier Stücke auswendig können, also im Kopf haben. Aber sie sollen sie möglichst auch inwendig kennenlernen, also in ihr Herz lassen. Die Texte des christlichen Grundwortschatzes sind keine Vokabeln. Sie sollen keine leeren Worte bleiben, sondern wertvoll werden und im Idealfall - oder im Zweifelsfall - tragende Kraft entfalten. Die Worte sind angekommen, wenn jemand, der sie in sich trägt, merkt: Da trägt etwas mich. Wenn jemand sie zu gebrauchen weiß für sich selbst oder für einen anderen Menschen in einer Krise. Wo mir Worte fehlen oder ich nichts Passendes zu sagen weiß, aber auch nicht schweigen will, kann ich vielleicht das Vaterunser oder den Psalm anbringen. Oder einfach für den eigenen Gebrauch - täglich, immer wieder einmal.

Weiterlesen ...

Andacht: Jesaja 2,4

Gott wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Jesaja 2,4
Schon mal etwas von Rancho Cucamonga gehört? Nein, es ist kein Artischockenschnaps und auch kein südamerikanischer Rapper...

Es ist eine mittelgroße Stadt im Westen der USA, in Kalifornien. Wenig ist bisher von ihr zu hören gewesen, selbst in der Wikipedia gibt es nur einen dürftigen Vierzeiler. Und doch ist diese Stadt etwas ganz besonderes. Denn dort gibt es eine Fabrik, in der von der Polizei sichergestellte illegal erworbene oder eingesetzte Waffen eingeschmolzen werden, um daraus etwas Vernünftiges zu machen: Stahlträger und Moniereisen zum Häuserbau etwa. TAMCO - so heißt dies Unternehmen - hat dieser Aktion einen biblischen Namen gegeben: "project Isaiah" - "Projekt Jesaja." Nun mag man über die Waffenverrücktheit manch eines Amerikaners oder über die laschen Waffengesetze in den USA seine eigene Meinung haben - und ich nehme das für mich auch in Anspruch - was mich dennoch an dieser Aktion fasziniert, ist, dass man dieser großen biblischen Vision nicht einfach nur nachsehnt, sondern sie - ganz im Kleinen - ins Werk setzt.

Denn das kann uns doch leicht zum Verhängnis werden: dass uns Worte und Visionen zu groß werden und wir sie in die Ferne projizieren, statt sie unserem Herzen nahe sein zu lassen. Manch einer entscheidet sich dann gar, die alten großen Bilder zur Gänze abzulegen und sich als "Realist" zu bezeichnen, frei nach dem Motto unseres Altkanzlers Schmidt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Dabei brauchen wir nichts dringender als eben diese Bilder, weil wir uns sonst zu leicht nur mit dem Vorfindlichen zufrieden geben, um dann in den Chor derer einzustimmen, die immer schon wußten: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wenn aber Menschen fallen, wenn Krieg und Terror herrschen, wenn Ungerechtigkeit und Intoleranz regieren, Armut und der Kampf um das Lebensnotwendige, dann brauchen wir große Visionen.
Sie sind dann für uns, was die Latte für den Hochspringer ist. Leicht könnte der sie tiefer legen lassen und würde sie garantiert nicht reißen. Aber das ist es nicht, um das es geht. Nur wenn sie hoch genug gelegt wird, wird die Anspannung dazu führen, es auch dort herüberzuschaffen. Selbst auf die Gefahr hin, Fehlsprünge zu riskieren. So machen auch diese großen Worte und Visionen bis heute Sinn: Sie sind Bilder, an den wir uns orientieren, auf die hin wir uns ausrichten. Und die wir - hier und da - schon jetzt mit Leben füllen können. Eine kleine Gießerei in Rancho Cucamonga macht es uns vor. 12153 Waffen konnte sie 2008 einschmelzen und zu etwas Besserem machen als unsere modernen "Schwerter". Es geht doch. Trauen wir Gottes Wort also etwas zu und auch uns.
Einen gesegneten November wünscht Ihnen
Ihr Pastor Detlef Kipf
Martin-Luther-Kirchengemeinde Wusldorf

P.S. Da schlage ich doch heute die Zeitung auf und lese, dass es so etwas nun auch in Bremen gibt. Na, wenn das nicht ermutigend ist...
 

660 mal gelesen | Drucken PDF-Datei

Was möchten Sie tun?

 Drucken  Drucken  Als PDF erstellen  Als PDF