Andacht

Als ich Schüler war, hatte ich einen englischen Grundwortschatz: Ein Lexikon mit den wichtigsten Wörtern und Wendungen der englischen Sprache. Wenn es darum geht, was Konfirmandinnen und Konfirmanden kennen und können sollen, spreche ich gern vom christlichen Grundwortschatz. Dazu zähle ich die zehn Gebote, den 23. Psalm, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Unter kennen und können verstehe ich, dass sie diese vier Stücke auswendig können, also im Kopf haben. Aber sie sollen sie möglichst auch inwendig kennenlernen, also in ihr Herz lassen. Die Texte des christlichen Grundwortschatzes sind keine Vokabeln. Sie sollen keine leeren Worte bleiben, sondern wertvoll werden und im Idealfall - oder im Zweifelsfall - tragende Kraft entfalten. Die Worte sind angekommen, wenn jemand, der sie in sich trägt, merkt: Da trägt etwas mich. Wenn jemand sie zu gebrauchen weiß für sich selbst oder für einen anderen Menschen in einer Krise. Wo mir Worte fehlen oder ich nichts Passendes zu sagen weiß, aber auch nicht schweigen will, kann ich vielleicht das Vaterunser oder den Psalm anbringen. Oder einfach für den eigenen Gebrauch - täglich, immer wieder einmal.

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Andacht: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“

Klingt einleuchtend, die neue Jahreslosung für 2011: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem"  (Römer 12,21). Aber so einfach lässt sich unser Leben nicht mehr nach dem Muster gut oder böse einteilen. Adam und Eva haben die Frucht von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen, aber im Laufe der Zeit ist uns die Erinnerung an dem Geschmack dieser Frucht scheinbar verloren gegangen. Gut und Böse, das klingt nach Schwarz-Weiß-Denken. Und die Schattierungen dazwischen sind grenzenlos.

Ein Beispiel: Als der sechsjährige Tobias in die Schule kam, gab es zu Beginn eine Zeit, in der er große Angst vor den Pausen hatte. Seine Eltern hatten ihm ihre Überzeugung gelehrt, dass Gewalt kein Mittel von Auseinandersetzung sein kann. Er duldete in den Schulpausen die Sprüche, die Schläge, die Tritte. Irgendwann ging es nicht mehr. Und Tobias musste lernen, dass es wichtig ist, sich nicht alles gefallen zu lassen und sich zu wehren, wenn es nötig sein sollte, auch mit handfesten Mitteln.

„Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ – so lautet der Titel eines Buches von Ute Ehrhardt. Allein der Titel fordert schon ein Nachdenken über das, was gut und was böse ist. Das Böse ist in diesem Buch das unreflektierte Hinnehmen von Rollenklischees und von Duckmäusertum. Das kann aber keine absolute Definition des Bösen sein. Es ist viel mehr: Das Böse lenkt den vollbesetzten Bus über das Brückengeländer in einen Fluss, es erschießt unschuldige Schüler und Schülerinnen durch Amokläufer, es missbraucht Kinder, er verschlingt als Erdbeben oder Überschwemmungskatastrophe tausende von Menschen. Und es ist in uns, es gehört zum Menschsein: Hass und Wut und Ärger und Kampf und Revanchefouls.
 
Sich davon überwinden lassen, dass heißt, untätig zu sein, alles mit sich machen zu lassen und keine Gegenstrategien zu entwickeln. Und manchmal sind die Mittel für diese Gegenstrategien nicht mit der moralischen Kategorie „gut“ zu bekommen. Denn Gerechtigkeit und Demokratie, Frieden und Verständigung und Bewahrung der Schöpfung sind oft auch nur mit Zorn und Wut und mit gewaltlosem Widerstand durchzusetzen. Auch Transparenz, die Bereitschaft zum Zuhören, der Wille zur Vergebung und eine konstruktive Streitkultur gehören dazu.
 
Überwinde das Böse mit Gutem, das heißt, sich einmischen, unbequeme Fragen stellen, das Böse benennen können. Denn „die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen“ (Albert Einstein). Ich wünsche uns den Mut dazu, das Böse zu überwinden. „Erlöse uns von dem Bösen“ – diese Bitte dürfen wir Gott sagen, weil  wir Mut und Kreativität und Geduld brauchen, um das Böse zu überwinden.
 
Johann de Buhr
 
 
 
 

 

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